Interview „Wenn man nicht in das klassische Lehrbuch passt, hat man in unserem Gesundheitssystem keine guten Karten“

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Atemnot, Enge in der Brust, Schmerzen, die in den linken Arm ausstrahlen – der Verdacht auf Herzinfarkt liegt nahe. Doch was, wenn sich stattdessen Müdigkeit, Benommenheit oder Kieferschmerzen bemerkbar machen? Gerade bei Frauen bleiben solche Warnzeichen oft unerkannt – mit Folgen für Diagnose und Behandlung. Ute Seeland setzt sich dafür ein, Geschlechterunterschiede in der Medizin stärker in den Fokus zu rücken. In einem Vortrag am 17. Juni spricht sie über ihre Forschung und ihre Arbeit als Leiterin der deutschlandweit ersten Hochschulambulanz für Geschlechtersensible Medizin und Prävention.

Frau Seeland, Sie sind Internistin und Deutschlands erste Professorin für geschlechtersensible Medizin. Einer Ihrer Schwerpunkte liegt auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Schlagen Frauenherzen anders als die von Männern?
Ute Seeland: Tatsächlich, ja. Und es ist sehr wichtig, die physiologischen Unterschiede zu kennen. Bei Herzinfarktsymptomen werden Männer und Frauen häufig mittels Herzkatheter untersucht. Doch bei einem Drittel der Frauen liegt diese klassische Gefäßverengung, die zur Diagnose herangezogen wird, gar nicht vor. Ihnen wird dann gesagt, sie hätten nichts am Herzen und sollten in die psychologische Behandlung oder zum Orthopäden gehen. Bei einer erweiterten Diagnostik, der sogenannten funktionellen Herzkatheterdiagnostik, wie sie in der geschlechtersensiblen Medizin üblich ist, findet man dann aber doch etwas am Herzen. 

Warum werden die Risiken von Frauen nach wie vor unterschätzt?
Seeland: Das muss man zum einen historisch sehen. Im 13. Jahrhundert wurden die ersten medizinischen Fakultäten gegründet. Damals waren nur Männer zum Studium oder als Professoren zugelassen. Wenn Führungspositionen nur von Männern besetzt sind, bleiben Forschungsfragen, die speziell das weibliche Geschlecht betreffen, oft unberücksichtigt. Zweitens ist man immer davon ausgegangen, dass das weibliche Geschlecht zu kompliziert ist. Es hat einen hormonell gesteuerten Zyklus. Es kann schwanger werden. In klinischen Studien wird versucht, eine möglichst geringe Standardabweichung vom Mittelwert zu erreichen, um die wissenschaftliche Genauigkeit zu belegen. Oft wird deshalb der Schluss gezogen, Frauen nicht in die Studien einzuschließen. Das ist eine gefährliche Ignoranz.

Ist das noch heute so?
Seeland: Ja, in der Kardiologie, der Urologie, der Pneumologie, der Gastroenterologie. Bei Erkrankungen, die häufiger beim weiblichen Geschlecht vorkommen, können sich wiederum Männer zurückgesetzt fühlen. Beispielsweise bei rheumatologischen Erkrankungen. Übrigens werden auch in der Arzneimittelherstellung fast ausschließlich männliche Tiere genutzt, weil man die weiblichen für die Brut braucht. Und weil die natürlich so kompliziert sind. 

Expertin zum Thema Prof. Dr. Ute Seeland ▸

  • Fachärztin für Innere Medizin und Professorin für Geschlechtersensible Medizin an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg

Was müsste sich im Design klinischer Studien ändern?
Seeland: Wir müssen Geschlechterunterschiede von vornherein in den Studien berücksichtigen. Das Wichtigste ist, dass Daten an beiden Geschlechtern erhoben werden. Und dass man die Daten dann auch getrennt nach den Geschlechtern auswertet. Es nützt nichts, wenn ich 70 Prozent Männer und 30 Prozent Frauen in der Studie eingeschlossen habe und dann die Daten mixe. Die Wahrscheinlichkeit, dass Medikament A oder B beim Mann funktioniert, liegt dann nicht bei 100, sondern nur bei 70 Prozent. Und bei der Frau sind es nur 30 Prozent. Deshalb müssen wir übrigens auch bei der Künstlichen Intelligenz aufpassen. Deren Anwendung sollte uns nicht ins 13. Jahrhundert zurückwerfen. Wenn die KI an Daten lernt, die nicht nach den Geschlechtern getrennt ausgewertet sind, ist all das, was wir in den vergangenen 20 Jahren erforscht haben, wieder zunichte.

Sie leiten am Universitätsklinikum in Magdeburg eine Hochschulambulanz für geschlechtersensible Medizin. Was bedeutet das in der Praxis?
Seeland: Wir gehen weg von der reinen Organbezogenheit zu einem systembiologischen Ansatz bei der Diagnosestellung. Ich schaue mir an, welches biologische Geschlecht die Person hat, also weiblich, männlich oder intersex, und welchen soziokulturellen Status. Mich interessiert, welche Rollen die Person am Tag spielt. Jeder von uns hat bestimmte Rollen, die manchmal freiwillig und manchmal durch die Gesellschaft bedingt sind. Oft kommen Menschen zu mir, die ihren Alltag nicht mehr schaffen. Sie fühlen sich in der Hochschulambulanz sehr gut verstanden. Zum Beispiel Frauen in der sogenannten Perimenopause; das ist ein Zeitraum von sieben bis zehn Jahren rund um die eigentliche Menopause, sprich Wechseljahre. Bereits in dieser Phase geschieht unglaublich viel mit dem weiblichen Körper, aber in den Lehrbüchern gibt es sie nicht, auch in klinischen Studien wird sie nicht berücksichtigt.

Wie gehen Sie bei einer Untersuchung vor?
Seeland: Wir arbeiten die biologischen Geschlechterunterschiede systematisch ab: schreiben ein EKG, messen die Fett-, Muskel- und Wasserverteilung, machen Ultraschall vom Herzen, den Halsschlagadern, der Schilddrüse und der Bauchaorta und führen die arterielle Gefäßsteifigkeitsmessung durch. Zusätzlich bekommen die Patientinnen und Patienten einen Fragebogen für einen „Gender Score“. Darin fragen wir nach dem soziokulturellen Hintergrund, der Bildung, dem ökonomischen Auskommen und nach Diskriminierungsfaktoren. Aus meiner Sicht ist Diskriminierung ebenso wie Bluthochdruck oder Diabetes ein starker Risikofaktor, der einen krank machen kann. Durch diese Rollenanamnese stelle ich Erstdiagnosen bei Patientinnen und Patienten, deren Leiden lange übersehen wurden.

Auch Männer wenden sich an Ihre Ambulanz?
Seeland: Es kommen ungefähr 78 Prozent Frauen, der Rest sind Männer, häufig Betroffene von ADHS, einer Aufmerksamkeitsdefizit- oder Hyperaktivitätsstörung. Oder Männer, die keine der klassischen Symptome des Herzinfarktes haben, sondern solche, die häufiger bei Frauen diagnostiziert werden, zum Beispiel Abgeschlagenheit, ein Ziehen im Kieferbereich, Schmerzen im Rücken. Wenn man nicht in das klassische Lehrbuch passt, hat man in unserem Gesundheitssystem keine guten Karten.

Sie halten im Juni an der Leopoldina einen Vortrag zu geschlechtersensibler Medizin, der als ärztliche Weiterbildung anerkannt ist. Sind Ihre Kolleginnen und Kollegen dem Thema gegenüber aufgeschlossen?
Seeland: Die Nachfrage ist enorm! Deshalb muss ich viel ausbilden – allein im Wintersemester halte ich sieben Vorlesungen. Es ist einzigartig, dass ich so viel Raum habe, um Studierende auszubilden. Und ich spreche auf vielen Kongressen. Gerade war ich auf einem Urologenkongress in Würzburg. Nach meinem Vortrag stand ein Kollege auf, der sichtlich beeindruckt war, und sagte: „Frau Seeland, so einen Vortrag habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gehört.“ Weil ich einen anderen Ansatz habe, einen systembiologischen, und das hat ihn wohl beeindruckt.

Erinnern Sie sich an einen bestimmten Moment, in dem Ihnen bewusstwurde, dass man Geschlechterunterschiede in der Medizin noch nicht ausreichend berücksichtigt?
Seeland: Das waren die Momente auf den Stationen in meinen ersten Praxisjahren, als ich überall eine große Unzufriedenheit feststellte: bei den Patientinnen und Patienten – vor allem den Patientinnen –, aber auch bei den Ärztinnen und Ärzten und dem Pflegepersonal. Ich habe gemerkt, dass wir gar nicht so viele gute therapeutische Ansätze haben, wie ich mir das während meines Medizinstudiums vorgestellt hatte. Es gibt so viele Menschen, die einfach nicht geheilt werden können mit dem, was wir wissen. 

Aber das ändert sich jetzt?
Seeland: Wir beobachten bereits, dass nicht nur die Kardiologie, sondern verschiedenste Fachbereiche der geschlechtersensiblen Medizin vermehrt „Slots“ auf ihren Kongressen und Symposien einräumen. Trotzdem ist das noch lange kein Selbstläufer, es bedarf nach wie vor einer großen Kraftanstrengung. Und Menschen, die von diesem medizinischen Ansatz überzeugt sind.

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