Bericht Zukunftswerkstatt: Wie soll 2070 ein idealer Landkreis aussehen?

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Die Leopoldina hat im April junge Erwachsene zur Zukunftswerkstatt „Landwende“ an ihren Hauptsitz nach Halle (Saale) eingeladen. Die Ideen und Überlegungen, die während der fünf Tage rund um die Frage „Wie wollen wir leben?“ diskutiert wurden, gingen schlussendlich in ein konkretes Konzept ein. Für diesen Partizipations- und Kommunikationsprozess bot die Leopoldina die Plattform und den Rahmen, in dem die Vision eines idealen Landkreises entwickelt wurde.

Vor den Toren der Stadt Halle liegt der Permakulturhof Biophilja. Dort, wo vor mehr als 100 Jahren Braunkohle gefördert wurde, bewirtschaften seit 2018 René und Sabine Thielicke mit ihrem Team mehr als 20 Hektar Grünland und Äcker, betreiben Agroforst, halten rund 700 Hühner und immer mal wieder eine Ziegenherde.

Über dem Gelände schaukelt an einem kühlen Nachmittag Anfang April elegant ein Rotmilan, während René Thielicke rund 25 junge Erwachsene begrüßt, die auf Einladung der Leopoldina in der Zukunftswerkstatt „Landwende: Wie wollen wir leben?“ ihre Visionen für eine ideale Form der Landnutzung entwickeln wollen. Die Exkursion bietet einen Einblick in eine besondere Form der Landwirtschaft: Permakultur hat den Anspruch, den Boden möglichst nachhaltig zu nutzen und die Kreisläufe der Natur zu beachten. Die Ausführungen des Landwirts zeigen aber auch den schwierigen Spagat, den eine solche Landnutzung verlangt: auf der einen Seite Klima- und Artenschutz berücksichtigen, auf der anderen Seite der nicht zu verleugnende ökonomische Druck, seinen Mitarbeitenden sowie seiner Familie und ihm ein faires Einkommen zu erwirtschaften. Könnte so eine ideale Form der Landnutzung aussehen?

Stadt und Land werden oft als getrennte Welten gesehen, aber für mich gehören sie zusammen. Ich würde mir wünschen, dass es mehr Verständnis und Respekt für die jeweils andere Seite gibt. Die Zukunftswerkstatt hat mir genau diesen Austausch ermöglicht, indem sie ganz unterschiedliche junge Menschen aus allen Teilen Deutschlands an einen Tisch gebracht hat.“"

Anna Paulina Graf ist im Allgäu aufgewachsen und studiert Urbanistik an der Bauhaus-Universität Weimar:

Konfliktlinien und Lösungsansätze

Welche Konfliktlinien es gibt, wie Lösungen dafür aussehen könnten und wie sich diese umsetzen lassen, debattierten die Teilnehmenden in verschiedenen  Workshop- und Gesprächsformaten unter Moderation des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung Karlsruhe. Ergänzt wurde dies durch Besuche beim Permakulturhof Biophilja und bei einem Projekt des NABU – Naturschutzbund Deutschland in Wettin. Hier soll durch Beweidung eine außergewöhnliche Artenvielfalt auf Magerrasen und Streuobstwiesen erhalten werden.
Basierend auf diesen und weiteren Einblicken in die Praxis entwickelten die Teilnehmenden Visionen, wie ein idealer Landkreis im Jahr 2070 aussehen sollte,  etwa in Bezug auf Land- und Waldwirtschaft sowie auf Energieversorgung und ebenso in Hinsicht auf Demokratieverständnis und soziale Gerechtigkeit. Somit gingen die Überlegungen und Diskussionen weit über das Trilemma von Ernährungssicherung, Biodiversitätserhalt und Klimaschutz hinaus.

Wie vielschichtig das Thema ist, wurde gleich am ersten Tag der Werkstatt deutlich, an dem sechs Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Ethik, Ökonomie, Nachhaltigkeit, Klimaschutz und Naturschutz nicht nur einen fachlichen Input gaben, sondern auch Rede und Antwort standen. So verdeutlichte Thomas Potthast, Professor für Ethik, Theorie und Geschichte der Biowissenschaften an der Universität Tübingen, dass es auch ein Lernprozess sei, in einer komplexen Diskussion mit kontroversen Meinungen umzugehen und zugleich die anders Diskutierenden zu schätzen. „Unterschiedliche Positionen können etwas Produktives sein“, sagte er. Und betonte: „Aber nur dann, wenn sich alle auf Argumente wirklich einlassen und bereit sind, ihre Position zu überdenken.“ Bloße moralische Appelle oder gar die Abwertung von Personen sei „nicht nur sachlich, sondern gerade auch kommunikativ falsch“.

Durch die wissenschaftliche Begleitung, die Praxisbeispiele und die intensive Diskussion mit Teilnehmenden verschiedenster Hintergründe kamen wir zu erstaunlichen Ergebnissen. Immer wieder haben wir festgestellt, dass vermeintlich gegensätzliche Positionen miteinander vereint werden können, wenn wir das System als Ganzes betrachten und bereit sind, uns selbst zu hinterfragen."

Matthias Welzel ist Projektleiter beim Verein TransFARMation Deutschlan

Regionen weltweit im Blick haben

Der Umweltökonom Bartosz Bartkowski vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung Leipzig wies darauf hin, dass es eine globale Perspektive brauche, um die komplexen sozio-ökonomischen Bedingungen zu verstehen. „Es reicht nicht aus, nur Deutschland oder Europa im Blick zu haben. Man muss immer die gesamte Wertschöpfungskette und damit auch die indirekten Auswirkungen auf unterschiedliche Regionen weltweit im Blick haben.“ Letztlich seien Zielkonflikte, so seine Prognose, auch in Zukunft nicht zu vermeiden. 
Im Ergebnis der Zukunftswerkstatt skizzierten die Teilnehmenden die Vision eines idealen Landkreises im Jahr 2070. Diese soll nun in den nächsten Monaten präzisiert und im Herbst in Berlin öffentlich präsentiert werden. 

Die entstandenen Visionen reichten weit über das Trilemma von Ernährungssicherung, Biodiversitätserhalt und Klimaschutz hinaus. Persönlich hätte ich mir gern mehr Diskussionen über die Landwirtschaft gewünscht und konkrete Lösungsansätze für das formulierte Trilemma. Schade, dass unter den besichtigten Betrieben kein konventioneller Betrieb war. Das wäre eine wichtige ergänzende Perspektive gewesen."

Karoline Vorlop studiert Agrarwissenschaften an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

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