Interview „Zwischen Tiefe der Analyse und Schnelligkeit der Reaktion“

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  • Generative KI
Künstliche Intelligenz (KI) hat in kürzester Zeit viele neue Möglichkeiten geschaffen und zugleich ebenso viele neue Fragen aufgeworfen. Die diesjährige Jahresversammlung vom 25. bis 26. September in Halle (Saale) greift diese Entwicklung auf. Einen Einblick in das Thema und die Vorbereitung geben die beiden wissenschaftlichen Koordinatoren, die Leopoldina-Mitgieder Thomas Lengauer und Klaus-Robert Müller.

Wie sind Sie dazu gekommen, Künstliche Intelligenz als Thema für die Jahresversammlung der Leopoldina zu wählen?   
Thomas Lengauer: Für mich ist es die dritte Jahrestagung, die ich organisiere. Im Jahr 2009 ging es um Computermodelle in der Wissenschaft, 2019 hatten wir das Thema „Zeit in Natur und Kultur“, das war und ist für mich eine Grundlagenfrage aller Wissenschaften.
Diesmal kam der Impuls für mich durch zwei technische Entwicklungen: das Sprachmodell ChatGPT und die Lösung der Proteinstrukturvorhersage mit dem Algorithmus AlphaFold. An dem Protein-Problem habe ich selbst früher gearbeitet – und ich hätte noch Monate vor AlphaFold nicht gedacht, dass ich die Lösung noch erleben würde. Das sind keine kontinuierlichen Entwicklungen, da entsteht etwas ganz Neues, und wir verstehen bis heute nicht wirklich, wie das passiert. Wir mussten niemanden in der Leopoldina überzeugen, dass diese Durchbrüche wichtig sind, wir haben da offene Türen eingerannt. Und darüber hinaus ist die KI natürlich auch in der Gesellschaft in aller Munde. 
Klaus-Robert Müller: Für mich war einer der wichtigen Durchbrüche, dass KI-Modelle, die auf großen Datenmengen beruhen, jetzt zum Beispiel in der Quantenchemie oder auch in der Mathematik neues Wissen schaffen können. Das System lernt etwas, was man vorher noch nicht gewusst hat. Und mit Techniken wie Explainable AI kann man dem System regelrecht beim Lernen zusehen.  

Ist das die Demütigung des Menschen durch die KI?
Müller: Ganz und gar nicht. Das sind unterstützende Tools. Der Mathematiker kann damit noch tollere Beweise finden, die Medizinerin wird in ihrer Routinediagnostik entlastet und kann auch bei seltenen Krankheiten bessere Entscheidungen treffen, wenn so ein KI-Tool sozusagen mit am Tisch sitzt. Das sind positive Effekte der KI, im September wird es aber auch um möglicherweise negative gesellschaftliche Folgen gehen. Treffen da zwei unterschiedliche Positionen aufeinander?
Lengauer: Wir haben es hier überhaupt nicht mit zwei Lagern zu tun. Aus meiner Sicht ist das Zeitalter der Technologie-Happiness lange vorbei. Wir sind alle der Meinung, dass KI eine unglaublich scharfe Waffe ist, die auch sehr scharf missbraucht werden kann. Insofern besteht der Bedarf, auch diese Seite der Medaille abzubilden. Ich kann mich hinter jeden Vortrag, der auf dieser Tagung gehalten wird, persönlich stellen. 
Müller: In der Leopoldina ist es eigentlich immer ein Miteinander, kein Gegeneinander. Ein konstruktives Miteinander, bei dem man versucht, Dinge in ihrer wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Tiefe einzuordnen und zu einer gemeinsamen Position zu kommen. 

Die technische Entwicklung in der KI verläuft im Moment sehr rasant. Inwieweit ist eine Institution wie die Leopoldina agil genug, um auf diese Prozesse zu reagieren? 
Müller: Die Frage ist ja: Muss die Politik oder muss eine Akademie dasselbe Tempo haben wie die Tech-Firmen? Es geht ja um Reflexion und um grundsätzliche Gedanken. Und die werden nicht besser, wenn sie schnell sind.  
Lengauer: Die Leopoldina steht definitiv im Spannungsfeld zwischen Tiefe der Analyse und Schnelligkeit der Reaktion. Das ist besonders deutlich geworden in der Coronavirus-Pandemie, als die Leopoldina zum ersten Mal ein agiles Format umfassend eingesetzt hat, die Ad-hoc-Stellungnahmen. Das lag aber auch am unfassbar großen akuten Druck. Trotz aller Warnungen und der bedrohlichen Szenarien bin ich nicht der Meinung, dass wir beim Thema KI heute unter einem so starken Zeitdruck stehen.

Aber zum Beispiel war die europäische KI-Verordnung fast fertig, als ChatGPT herauskam. Und dann musste sie noch einmal überarbeitet werden, um auf die neuen Techniken anwendbar zu sein ...
Müller: Für mich ist das wie in der Computersicherheit: Wenn jemand behaupten würde, er hätte dieses Problem ein für alle Mal gelöst – den würde man auslachen. Das ist ein Prozess, man muss sich immer den neuen Gegebenheiten anpassen.

Die neue US-amerikanische Regierung hat ja unmissverständlich deutlich gemacht, dass sie der KI keinerlei Schranken setzen will.
Müller: Man ist immer ein bisschen versucht, den Akademien-Blickpunkt gegen einen Industrie-Blickpunkt zu stellen. Aber auch in der Industrie gibt es viele Menschen, die ethische Grundsätze haben und die wollen, dass ihre Produkte sicher sind.

Sie arbeiten an Gehirn-Computer-Schnittstellen, Herr Müller. Werden wir bald unsere Intelligenz direkt mit der KI verbinden können?
Müller: Ganz sicher nicht. Wir arbeiten noch immer nichtinvasiv, und so bald wird man da nichts zusammenstöpseln. Es gibt zum Beispiel Umfragen unter Patienten mit Amyotrophe Lateralsklerose ALS, ob die sich vorstellen könnten, Implantate zur Kommunikation zu nutzen. Und die sagen: Das Gehirn ist das letzte funktionsfähige Organ, das ich habe – also bitte stellt damit nichts an!

Wie läuft Ihre Zusammenarbeit in der Vorbereitung der Jahresversammlung, auch mit der Leopoldina?
Lengauer: Wir sind gut in der Spur. Wir beide haben eine kurze Leitung und besprechen uns regelmäßig, wir reagieren auch schnell auf Probleme, mit großartiger Unterstützung der Leopoldina und der Geschäftsstelle. Das Programm steht!

Das Gespräch führte Christoph Drösser.

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