Interview „Adipositas kann soziale Ungleichheit weiter verstärken“

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Die Hände einer Person, die entweder nach einer kleinen Schale mit bunten Bonbons oder nach einem großen Korb voller frischer, farbenfroher Obst- und Gemüsesorten greifen, veranschaulichen die Wahl zwischen gesunden und ungesunden Lebensmitteln.
In Deutschland leidet fast jedes sechste Kind an Übergewicht oder starkem Übergewicht. Adipositas hat nicht nur Auswirkungen auf die Lebensqualität der Kinder, es drohen auch Folgeerkrankungen wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Leiden. Ein Fokuspapier der Leopoldina empfiehlt stärkere Bemühungen gegen die Adipositas-Epidemie. Die Mitautorinnen Ulrike Ravens-Sieberer, Psychologin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, und Renate Oberhoffer, Kinder- und Jugendmedizinerin an der Technischen Universität München, sprechen über Möglichkeiten der Prävention.

Frau Oberhoffer, welche Auswirkungen hat Adipositas auf die Gesundheit der Kinder?
Renate Oberhoffer: Adipositas belastet den Stoffwechsel, geht auf die Gelenke und hat einen enormen Einfluss auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die Todesursache Nummer eins weltweit. Die Gefäße altern früher und stärker, wir können bei Kindern und Jugendlichen schon messen, dass sie teilweise verdickte Gefäße haben. Es liegt auf der Hand, dass sie früher Bluthochdruck bekommen, einen Schlaganfall oder Herzinfarkt.

Frau Ravens-Sieberer, Sie erforschen auch psychologische Aspekte…
Ulrike Ravens-Sieberer: Ja, und aus dieser Perspektive ist wichtig, dass die Lebensqualität der Kinder häufig eingeschränkt ist. Nicht nur durch körperliche Beschwerden, sondern auch durch Stigmatisierung und soziale Ausgrenzung. In der Folge können negative Emotionen, Rückzug und Stress entstehen. Präventions- und Behandlungsansätze müssen daher immer auch die psychische Gesundheit, den Selbstwert und die soziale Teilhabe der Kinder stärken und Stigmatisierung aktiv vermeiden.

Im Fokuspapier heißt es: Es gibt zahlreiche Präventionsbemühungen, die Erkrankung geht aber nicht zurück. Was funktioniert da nicht?
Ravens-Sieberer: Viele Präventionsansätze sind zu punktuell, zu kurzzeitig und zu wenig aufeinander abgestimmt. Das Leopoldina-Papier beschreibt, dass es hierzulande bislang nur wenige systematische und zwischen relevanten Akteuren koordinierte Präventionsstrategien gibt. Stattdessen dominieren häufig projektbasierte Ansätze, die zeitlich begrenzt sind und keine nachhaltigen Strukturveränderungen bewirken. Ziel muss es sein, Teilhabe, Lebensqualität und gesundheitsförderliche Umwelten zu stärken, damit gesunde Entscheidungen im Alltag leichter möglich werden.
Oberhoffer: Die Programme sind meist auf den einzelnen Menschen ausgerichtet und es wird den Menschen nicht gerade leicht gemacht. Es müsste auch mehr an den Umgebungen gearbeitet werden. Dass die Schulumgebung Bewegung fördert, dass in der Schulkantine gesund gekocht wird, dass im Schulkiosk nicht so viel Süßes verkauft wird.

Gibt es Kinder, die besonders betroffen sind?  
Ravens-Sieberer: Ja, Kinder aus Familien mit niedrigem sozioökonomischem Status. Dies spiegelt strukturelle Rahmenbedingungen wider, etwa Ernährungsumgebungen, Lebensmittelpreise, Stressbelastungen, Wohnumfeld, Bewegungsräume und verfügbare Zeitressourcen. Gleichzeitig zeigen Programme zur Förderung von Selbstkontrolle und gesundheitsbezogenen Routinen gerade bei diesen Kindern eine gute Wirksamkeit – vorausgesetzt, sie sind niedrigschwellig und gut umgesetzt.

Sie beschäftigen sich auch mit früher Prävention, Frau Oberhoffer. Wann sollte Prävention beginnen? 
Oberhoffer: Bereits bei der schwangeren Frau. Frauen nehmen heute in der Schwangerschaft mehr Gewicht zu als früher. Die Kinder haben ein höheres Geburtsgewicht und es ist schwer, dagegen wieder anzugehen. Schwangere sollten sich unbedingt ausreichend bewegen, das scheint schon eine Wirkung zu haben auf das spätere Verhalten der Kinder. Einige sagen, man muss schon bei jungen Mädchen anfangen, bevor sie überhaupt schwanger werden, mit einer Art Gesundheitsvermittlung.

Brauchen wir auch Instrumente wie eine Zuckersteuer? 
Oberhoffer: Das finde ich sogar am drängendsten. Eine Zuckersteuer wird seit Jahren von verschiedensten Verbänden gefordert, genauso wie die Limitierung der Werbung für ungesunde Lebensmittel vor allem für Kinder und Jugendliche. Das wäre ein wichtiger Ansatz, dass man als Staat zeigt, dass einem das ein Anliegen ist.

Wenn nichts getan wird, was sind Folgen für die Gesellschaft?
Ravens-Sieberer: Das hat weitreichende gesundheitliche, soziale und ökonomische Folgen. Adipositas kann soziale Ungleichheit weiter verstärken und ist mit langfristigen Gesundheitsrisiken verbunden. Das bedeutet erhebliche direkte und indirekte Kosten für das Gesundheits- und Sozialsystem. 
Oberhoffer: Das wird eine Epidemie von Folgeerkrankungen werden und mehr kosten, als wenn man jetzt umdenkt. Man vergisst, dass der frühe Einsatz von Geldern zugunsten der jüngeren Generation in der Zukunft einen Effekt haben wird. Und dieser Aufruf „Investiert in Kindergesundheit!“, der verhallt mir zu sehr. Das ist bedauernswert und kurzsichtig.


Das Interview führte Christine Werner.

Audioplayer

Ist Adipositas vererbbar?

Kinder- und Jugendmedizinerin Renate Oberhoffer erläutert, wie Kinder schon in der Schwangerschaft auf Adipositas geprägt werden können.

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