Interview „Denken können Hirnorganoide nicht“

Leopoldina-Mitglied Jürgen Knoblich spricht zur Abendvorlesung der Klasse II – Lebenswissenschaften

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Weltweite Bekanntheit erlangte Jürgen Knoblich ML durch die erstmalige Etablierung eines Hirnorganoids in vitro. Zum Symposium der Klasse II – Lebenswissenschaften spricht der Molekularbiologe, seit 2024 Mitglied der Leopoldina, in der öffentlichen Abendvorlesung über seine Forschung.

Sie haben mit Ihrer Arbeit an Hirnorganoiden einen völlig neuen Ansatz in der Erforschung des menschlichen Gehirns etabliert. Worum geht es dabei?
Jürgen Knoblich: Eine große Limitation in der pharmazeutischen und biologischen Wissenschaft ist es, dass fast alle Forschung an Tieren geschieht. Aber unser Gehirn ist nicht einfach nur eine aufgeblasene Version eines Mausgehirns.
In den letzten Jahren haben neue Methoden die biomedizinische Forschung völlig revolutioniert. Wir können Patientinnen und Patienten Blutstammzellen entnehmen, eine sogenannte Reprogrammierung durchführen und daraus Muskelzellen herstellen, einzelne Nervenzellen, aber auch ganze Gewebe. Uns ist es gelungen, aus diesen Zellen sogenannte Gehirnorganoide zu machen – dreidimensionale Gewebekulturen, die in ihrem Aufbau und auch zum Teil in ihrer Funktion einem fötalen menschlichen Gehirn entsprechen.

Diese erbsengroßen Organoide werden oft als „Mini-Gehirne“ bezeichnet. Finden Sie das eine glückliche Bezeichnung?
Wir mögen diesen Begriff überhaupt nicht. Denken kann ein Organoid nicht.

Sie wollen also das Gehirn verstehen, aber auch Krankheiten behandeln?
Wir wollen vor allem Krankheiten verstehen! Zum Beispiel haben wir die tuberöse Sklerose – eine schreckliche Form von Epilepsie – im Organoid modelliert und festgestellt, dass ein bestimmter Vorläufer-Zelltyp, den es nur beim Menschen gibt, dafür verantwortlich ist.

Wenn mit dem menschlichen Gehirn experimentiert wird, auch wenn es nur einzelne Zellen sind, wirft das natürlich sofort ethische Fragen auf.
Zunächst einmal: Die Forschung zu Organoiden hat positive ethische Folgen. Dank ihnen müssen wir ja weniger Experimente am lebenden Gehirn machen. Und sie sind eine gute Ergänzung zu Tierversuchen. Ein Grund für die Befürchtungen sind übertriebene Aussagen von Forschenden, die zum Beispiel den Organoiden Intelligenz zugeschrieben haben. Hans Schöler als Mitglied der Leopoldina  und ich wurden von der Leopoldina beauftragt, diese ethischen Fragen in einer Arbeitsgruppe und Stellungnahme zu untersuchen. Wir hatten extrem interessante Diskussionen mit Philosophen, Rechtswissenschaftlern und Neurobiologen.

Was ist dabei herausgekommen?
Wir haben drei Fragen diskutiert: Erstens, sind Organoide schützenswert? Wir sind zu dem Schluss gekommen: Nein, sie haben keine schützenswerten Eigenschaften. Zweitens: Können sie Schmerz empfinden? Dazu gibt es im Augenblick keinen Hinweis. Und drittens: Können Organoide Bewusstsein entwickeln? Und da ist die einhellige Meinung, dass das nicht möglich ist.

Und wo liegen die ethischen Grenzen in der Forschung mit Hirnorganoiden?  
Eine Grenze wäre zum Beispiel da erreicht, wenn jemand einem Affen eine große Zahl von Organoiden einpflanzen würde, sodass dessen Gehirn zu 30, 40 Prozent aus menschlichen Zellen besteht. Das verstieße gegen das Tierschutzgesetz und ist auch in der internationalen Gemeinschaft der Stammzellforschung geächtet.

Sie haben ja in dieser Arbeitsgruppe schon für die Leopoldina gearbeitet, bevor Sie in die Akademie gewählt wurden. Wie kam es dazu?
Ich bin einer der wenigen, die zuerst mit der Arbeit für die Leopoldina angefangen haben und dann zum Mitglied gewählt wurden. Ich hatte als Erster einen Artikel über die Ethik von Organoiden geschrieben, daher hat mich Hans Schöler eingeladen. Ich war sehr beeindruckt von der Breite, in der man dort den Diskurs über verschiedene Wissenschaftsgebiete hinweg führen kann. Und als ich dann in die Akademie gewählt wurde, war das natürlich eine große Ehre.
 

Das Gespräch führte Christoph Drösser

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