Nachricht „Was in der Arktis passiert, bleibt nicht in der Arktis“

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Iceberg and ice from glacier in arctic nature landscape in Ilulissat,Greenland. Aerial drone photo of icebergs in Ilulissat icefjord. Affected by climate change and global warming.
„Die globale Arktis – beispielloser Wandel, globale Bedeutung“ ist der Titel einer aktuellen Stellungnahme der Wissenschaftsakademien Japans, Italiens, Kanadas, Frankreichs, der USA, des Vereinigten Königreichs und Deutschlands. Der Fokus liegt auf den Themen Klimaforschung, Klimaschutz und Anpassungsstrategien, denen sich der diesjährige G7-Gipfel widmen soll. Nicht zum ersten Mal drängen Forscherinnen und Forscher darauf, das globale Klimasystem in den Blick zu nehmen. Warum jetzt erneut, das erklärt Thomas Stocker, der als Lead Scientist für die Nationalakademie Leopoldina an dieser Stellungnahme beteilig war.

In der Arktis sind tiefgreifende Veränderungen zu beobachten. So hat sich die Region im hohen Norden in den vergangenen vier Jahrzehnten fast viermal so schnell erwärmt wie der globale Durchschnitt. Seit Beginn der Industrialisierung stieg die Durchschnittstemperatur in manchen Regionen der Arktis nach Angaben des Umweltbundesamtes um 5 Grad Celsius. Grund für den beschleunigten Wandel sind besondere Rückkopplungseffekte: Diese „arktische Verstärkung“ – ist einerseits Ergebnis, andererseits Triebkraft einer Reihe miteinander verbundener Prozesse. Permafrostböden tauen auf und setzen Gase wie Kohlenstoffdioxid und Methan frei, die das Klima beeinflussen; infolge des Tauens bröckeln die Küsten und brechen ab. Häufigere Dürren führen häufiger zu großflächigen Waldbränden, die ebenfalls klimawirksame Gase freisetzen. An Land wie im Meer ist sowohl das biogeochemische als auch das ökologische Gleichgewicht stark gestört.

Die Veränderungen beschränken sich jedoch nicht auf die Arktis. „Die Arktis ist die Drehscheibe für zahlreiche klimatische Prozesse von globaler Bedeutung“, erklärt der Geowissenschaftler und Klimaphysiker Thomas Stocker. Die Arktis ist die Quelle des nördlichen Tiefenwassers, sie fungiert via Meereisbedeckung als „Kühlsystem“ über die Region hinaus und ist bei zunehmender Erwärmung potenzielle Quelle zusätzlicher Treibhausgasemissionen. Stocker betont: „Was in der Arktis passiert, bleibt nicht in der Arktis.“

Die Stellungnahme der sieben Wissenschaftsakademien zeichnet ein klares Bild der weitreichenden Folgen: Das beschleunigte Schmelzen des grönländischen Eisschilds werde zum schnelleren Anstieg des Meeresspiegels beitragen und dadurch tief liegende Küstenregionen weltweit bedrohen. Auch könnte die Erwärmung in der Arktis Meeresströmungen verändern, die daraufhin die Ozeanwärme weltweit anders verteilen – mit Folgen für das Wetter und regionale Klimamuster.

Die Arktis ist die Drehscheibe für zahlreiche klimatische Prozesse von globaler Bedeutung."

Prof. Dr. Thomas F. Stocker

Experte zum Thema Prof. Dr. Thomas F. Stocker ▸

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  • Bern, CH
  • Wahljahr 2019

Die beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler empfehlen deshalb eine rasche Verringerung der Treibhausgasemissionen im Einklang mit internationalen Klimazielen, insbesondere dem Pariser Abkommen. Zweitens wird zur engeren internationalen wissenschaftlichen Zusammenarbeit aufgerufen, unter anderem durch missionsorientierte Forschung, offene Datenbanken und langfristige überregionale Beobachtungvorhaben. Zudem soll die Erforschung von Kippsystemen, Hochrisikoereignissen und systemischen Risiken in der Arktis intensiviert werden.

Darüber hinaus wird jetzt empfohlen, evidenzbasierte Anpassungsstrategien an den Klimawandel zu fördern, zu den geeigneten Maßnahmen zählen etwa Frühwarnsysteme. Strategien zur Anpassung könnten nicht die notwendigen Strategien zum Klimaschutz ersetzen, sagt Stocker, aber das Thema sei dringlicher geworden: „Der Trend ist natürlich vermehrt feststellbar. Denn besonders in den letzten Jahren sind Folgen der Klimaerwärmung auf der ganzen Welt deutlich spürbar geworden“. Insbesondere für die Bevölkerung in den Anrainerstaaten der Arktis, deren Lebensgrundlage sich durch Infrastrukturschäden teils drastisch veränderte: Diese wirken sich auf Siedlungen und verschiedene Industriezweige aus, weil Lieferketten, Transportwege und Energiesysteme davon betroffen sind. 

Indigene Bevölkerungsgruppen pflegen in der Arktis traditionelle Praktiken der Jagd und Fischerei, deren Ausübung aber durch das instabile Eis zunehmend erschwert wird. Ihre Kenntnisse über die Bedingungen in der Arktis und über den aktuellen Wandel sind so einzigartig wie wertvoll. „Aufgrund der über Jahrtausende gesammelten Erfahrungen ist enormes Wissen vorhanden, das jedoch nicht systematisch verfügbar ist. Die einzelnen Staaten tragen eine Verantwortung, dieses Wissen zu bündeln und zu nutzen“, sagt Thomas Stocker. Die Akademien empfehlen in ihrer Stellungnahme zum G7-Gipfel, die indigenen und lokalen Kenntnisse in internationale Politik- und Umweltentscheidungen einzubinden.

Die Wahl der Arktis als Beratungsthema ist auf die Rolle Frankreichs als Gastland zurückzuführen, wie Thomas Stocker erklärt: „Es ist eine Konsequenz des besonderen Engagements von Frankreich vergangenes Jahr im International Year of Glacier Preservation und in der UN Decade on Action in Cryospheric Sciences.“ Trotz unterschiedlicher politischer Diskurse in den sieben beteiligten Ländern enthält die Stellungnahme deutliche Aussagen, zum Beispiel das Bekenntnis zu den Pariser Klimazielen.

Andere Formulierungen mögen vergleichsweise diplomatisch klingen. Dies erkläre sich aus dem Bestreben nach einer gemeinsamen Äußerung zum Thema, sagt Stocker: „Es handelt sich hier um einen iterativen Prozess, der von den Akademien der sieben Länder koordiniert wurde. So haben einzelne Akademien gerne deutlichere Aussagen betreffend möglichen Versuchen zu Geoengineering in der Arktis eingefügt, doch hier herrschte nur minimaler Konsens. Daraus resultiert dann eher ein Kompromiss als ein ‚Aktionsdokument‘.“ Die Kernbotschaft und damit der Grund, das Thema den Staats- und Regierungschefs abermals für einen G7-Gipfel zu empfehlen, bleibt dennoch klar: Die Zukunft der Arktis und des globalen Klimas hänge davon ab, dass jetzt entschlossen gehandelt wird, schreiben die Wissenschaftsakademien. Der Schutz der Arktis sei nicht nur eine regionale Aufgabe, sondern von globaler Bedeutung.

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