Maßnahmen zum Schutz der Artenvielfalt: Agrarhandel
Die Art und Weise, wie Menschen die Flächen der Erde nutzen, hat einen großen Einfluss auf die Ernährungssicherheit, die Biodiversität und das Klima. Die hohe Nachfrage beispielsweise nach Soja als Futtermittel oder Palmöl als günstiges, vielseitiges Pflanzenöl bewirkt, dass Flächen intensiv bewirtschaftet oder neu erschlossen werden. Oft gehen damit der Verlust von Biodiversität und die Beschleunigung des Klimawandels einher. Die Wirkmechanismen des internationalen Agrarhandels können aber auch genutzt werden, um positiv auf diese Zielkonflikte einzuwirken.
Frage und Antwort
Nachgefragt
Warum gibt es internationalen Agrarhandel?
Antwort
Lokal können sehr unterschiedliche landwirtschaftliche Produkte angebaut werden, je nachdem welche klimatischen Bedingungen existieren, wie die Böden beschaffen sind und ob es genügend Wasser gibt. Manche Regionen verfügen deshalb über mehr Getreide, Ölsaaten, Weidewirtschaft oder Obstplantagen als andere. Der internationale Handel sorgt für den Ausgleich zwischen Überschuss und Mangel. So können Menschen weltweit mit ausreichend Nährstoffen versorgt werden, beispielsweise durch den Import von Getreiden oder Pflanzenölen. Handel hilft außerdem, starke saisonale Schwankungen innerhalb einzelner Länder und Regionen sowie temporäre Nahrungsmittelengpässe durch Wetterextreme wie Dürren oder Starkregen zu reduzieren. Durch den Handel werden die Speisepläne aber auch vielfältiger: Ohne Handel gäbe es in Deutschland zum Beispiel weder Kaffee noch Tee, keine Früchte wie Bananen oder Ananas, keinen Reis und kaum Gewürze.
Palmöl, Kaffee, Soja – ein Blick in die Wirkzusammenhänge von Handel, Biodiversität und Klima
In einer globalisierten Welt ist auch der internationale Agrarhandel durch das weltweite Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage beeinflusst, mit gravierenden Folgen für Klima und Biodiversität. Die steigende Nachfrage nach Agrargütern führt zur Ausweitung von Agrarflächen auf Kosten natürlicher Lebensräume. Hiervon sind oftmals Regionen mit besonders hoher Artenvielfalt betroffen, etwa tropische Wälder. Außerdem werden bestehende Agrarflächen zunehmend intensiver genutzt, um Erträge zu steigern, zum Beispiel durch den stärkeren Einsatz von Pestiziden. Beides kann die lokale Artenvielfalt bedrohen und irreparable Schäden anrichten. Die komplexen Zusammenhänge zwischen Biodiversität, Klima und Ernährungssicherheit lassen sich an einzelnen Produkten anschaulich nachvollziehen.
Palmöl ▸
Kein Öl ist beim Anbau so ergiebig wie Palmöl. Die Anbauflächen wachsen. Was der Ernährungssicherheit kurzfristig hilft, könnte ihr jedoch langfristig schaden.
Arabica-Kaffee ▸
Das äthiopische Hochland ist bekannt für seinen aromatischen Kaffee. Wenig bekannt ist jedoch, dass der Wildkaffee dort einen Wert für die gesamte Kaffeeindustrie hat. Dieser Wert ist bedroht.
Soja ▸
Die Geschichte des Sojaanbaus war eine Erfolgsgeschichte. Bis man entdeckte, dass Soja nicht nur dem Menschen schmeckt.
Handelsbeziehungen und Gesetze – Wie die EU auf den Agrarhandel einwirkt
Die Wirkmechanismen des internationalen Agrarhandels können genutzt werden, um positiv auf Ernährungssicherheit, Klima- und Biodiversitätschutz einzuwirken. So gibt es in der EU bereits zahlreiche Vorgaben für Biodiversitäts- und Klimaschutz bei der Produktion von Lebensmitteln (Siehe Kapitel 3). Regelungen innerhalb der EU können aber zu Verlagerungseffekten in andere Regionen der Erde führen. Ein Ansatz, um diesem Problem zu begegnen, wäre es, externe Effekte wie Klima- und Umweltwirkungen der Produktion immer dort zu regulieren, wo sie entstehen. Ein umfassendes EU- oder novelliertes deutsches Landwirtschaftsgesetz könnte die vielen Anforderungen einheitlich und rechtlich sicher regeln.
Handelspolitische Instrumente wie internationale Handelsabkommen könnten helfen, wenn sie stärker als bisher daraufhin ausgerichtet werden, Biodiversitäts- und Klimaschutz zu dienen. In der EU gibt es bereits eine Richtlinie, die Unternehmen dazu verpflichten soll, negative Auswirkungen auf Menschenrechte, Klima und Umwelt entlang der Lieferkette zu vermeiden: das sogenannte EU-Lieferkettengesetz.
Frage und Antwort
Nachgefragt
Was ist das EU-Lieferkettengesetz?
Antwort
Das EU-Lieferkettengesetz (EU-Richtlinie 2024/1760) wurde 2024 verabschiedet. Es legt verbindliche Sorgfaltspflichten für Unternehmen fest, damit diese die Auswirkung ihres Wirtschaftens auf Menschen und Umwelt besser steuern und negative Folgen vermeiden. So sollen europäische Unternehmen, aber auch Unternehmen, die in der EU Handel betreiben wollen, faire Wirtschaftsbedingungen schaffen. Entlang der Lieferkette sollen Unternehmen prüfen, ob Risiken für Menschenrechte (z. B. Kinderarbeit) und die Umwelt (z. B. Verschmutzung, Verlust von Biodiversität) vorliegen. Diese Risiken sollen mit dem Lieferkettengesetz verhindert werden. Außerdem müssen Unternehmen Beschwerdeverfahren einrichten und regelmäßig über ihre Maßnahmen berichten. Ende 2025 entschied das Europäische Parlament, die Umsetzung zeitlich um ein Jahr zu verschieben sowie die Nachhaltigkeits- und Sorgfaltspflichten zu vereinfachen. So sollen in den Lieferketten nur noch direkte Geschäftspartner einbezogen werden. Zudem wurden kleinere Unternehmen entlastet.
Die EU hat mit der „Regulation on Deforestation-free Products“ auch ein Gesetz für entwaldungsfreie Lieferketten verabschiedet. Es betrifft Produkte wie Rindfleisch, Soja, Palmöl, Holz, Kakao, Kaffee und Naturkautschuk sowie daraus hergestellte Erzeugnisse. Diese Produkte dürfen nur in der EU gehandelt werden, wenn dafür keine Wälder abgeholz worden sind. Die tatsächliche Anwendung der Verodnung wurde Ende 2025 jedoch noch einmal verschoben. Auch die Sorgfaltspflichten und Berichtsprozesse, die Unternehmen einhalten sollen, wurden vereinfacht. Um dem Biodiversitätsschutz noch mehr zu dienen, sollten solche Gesetze aber noch weiterentwickelt werden, beispielsweise indem das Gesetz für entwaldungsfreie Lieferketten auch auf Feuchtgebiete und Savannen ausgeweitet wird.
Vertiefung zum Thema
- Diskussionspapier „Wie kann der internationale Agrarhandel zu Biodiversitätsschutz, Klimaschutz und Ernährungssicherung beitragen? Für eine kohärente Governance von Konsum, Produktion und Handel“ (2025)
- Digitales Dossier „Agrarhandel und Konsum“
- „Viele Stellschrauben gleichzeitig drehen“ – Interview mit Katrin Böhning-Gaese und Harald Grethe
Veröffentlicht: Oktober 2020, Aktualisiert: April 2026