Demenz gilt vielen als Schreckbild des Alterns – lässt sie sich verhindern?
Svenja Caspers: Sicher nicht in allen Fällen, doch viele Demenzerkrankungen ließen sich zumindest hinauszögern oder verlangsamen. Das wäre bereits ein großer Erfolg.
Bert Heinrichs: Demenz ist nicht irgendeine Erkrankung, sondern hat eine existenzielle Dimension. Wir sind als Menschen planende Wesen. Daher ist es sehr leicht nachzuvollziehen, dass viele den Verlust geistiger Fähigkeiten fürchten. Man darf Demenz aber nicht stigmatisieren oder tabuisieren. Mit unserer Stellungnahme wollen wir vielmehr die Präventionsmöglichkeiten in den Vordergrund stellen.
Geht das Altern nicht immer mit Verlusten und Defiziten einher, auch auf geistiger Ebene?
Caspers: Die wissenschaftliche Diskussion, wo das normale Altern aufhört und die Demenz beginnt, ist in der Tat noch nicht abgeschlossen. Vermutlich handelt es sich um ein Kontinuum. Allerdings kann eine echte Demenz im Spätstadium zu tiefgreifenden Persönlichkeitsveränderungen führen und ist etwas ganz anderes als bloße Altersvergesslichkeit. Entscheidend für das Verständnis ist, dass jedes Gehirn individuell altert und sich bis ins späte Leben verändert.
Und dieser Prozess lässt sich beeinflussen?
Caspers: Davon gehen wir aus. Menschen, die beispielsweise sehr aktiv in ihrer Freizeit sind, anspruchsvolle Tätigkeiten ausüben oder mehrere Sprachen sprechen, bilden offenbar eine größere kognitive Reserve. Das heißt, dass sie geistige Funktionen besser erhalten können, selbst wenn im Alter Gehirngewebe abgebaut wird.
Laut Studien haben Risikofaktoren wie hohes Cholesterin, Bluthochdruck, körperliche Inaktivität oder Zigaretten- und Alkoholkonsum einen wichtigen Einfluss auf die Entstehung einer Demenz. Kann ich also selber vorbeugen, indem ich gesund lebe?
Heinrichs: Jeder kann etwas für seine Gehirngesundheit tun, eine gewisse Eigenverantwortlichkeit liegt dabei auf der Hand. Allerdings ist das persönliche Gesundheitsverhalten nur die halbe Wahrheit. Es fällt natürlich viel leichter, joggen zu gehen, wenn ich in einem Wohnumfeld lebe, in dem es attraktive Joggingstrecken gibt. Neben der individuellen Verhaltensprävention ist eine systemische Verhältnisprävention notwendig, um Demenzerkrankungen vorzubeugen.