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Nachricht | Freitag, 15. Januar 2021, aufdatiert am 18. März 2021

Coronavirus-Pandemie: Entwicklung des Infektionsgeschehens in Irland

Derzeit wird Irland häufig als Beispiel herangezogen, wenn Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus in Deutschland diskutiert werden. Folgend wird die Infektionsdynamik in Irland anhand von Diagrammen erläutert.

In der Diskussion um geeignete Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus in Deutschland wird aus zwei Gründen auf die in Irland zwischen Oktober 2020 und heute zu beobachtende Infektionsdynamik verwiesen: In diesem Zeitraum folgten eine Verschärfung, eine Lockerung und eine erneute Verschärfung von Lockdown-Regeln aufeinander. Zudem verbreitete sich seit Dezember 2020 in Irland auch die zuerst in England bekannt gewordene Virusmutante B.1.1.7. Um mögliche Konsequenzen für Deutschland aus einer wissenschaftsbasierten Interpretation der Infektionsdynamik in Irland ziehen zu können, bedarf es einer übersichtlichen Darstellung ihres Verlaufs. Die folgenden Abbildungen und Erläuterungen sollen dies unterstützen.

In Irland gilt der landesweit einheitliche und klar kommunizierte 5-Stufen-Plan „Resilience and Recovery 2020-2021: Plan for Living with COVID-19“ vom 15. September 2020, der es erlaubt, je nach aktuellem Infektionsgeschehen Maßnahmen gegen die Pandemie zu verstärken oder zu lockern.[i]

 

Abb. 1: Neuinfektionen in Irland pro 1 Mio. Einwohner (7-Tages-Durchschnittswert als blaue Kurve; Neuinfektionen pro Tag als graue Balken). Die Pfeile markieren Maßnahmenanpassungen zur Kontrolle des Infektionsgeschehens bzw. den erstmaligen Nachweis der neuen Virusmutante wesentlich B.1.1.7. Die immer zu berücksichtigende Inkubationszeit von 5-6 Tagen ist am Beispiel der Weihnachtsferien schattiert dargestellt. Quelle: Our World in Data – Coronavirus Pandemic (COVID-19). https://ourworldindata.org/coronavirus (Stand: 17.03.2021)

 

Abb. 2: Überblick über Angaben zum Nachweis infektiöser Viren bei COVID-19 im zeitlichen Verlauf. Diese Dynamik ist bei der Interpretation des Infektionsgeschehens zu berücksichtigen [d=Tage]. Ferner ist zu bedenken, dass Infektionsverläufe asymptomatisch (ohne Symptome) bzw. paucisymptomatisch („pauci“ = „schlafend“, d.h. Betroffene haben nur sehr leichte, häufig unspezifische Symptome, bei denen sie in der Regel keinen Arzt aufsuchen) sein können. Quelle: https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Vorl_Testung_nCoV.html#x (abgerufen am 14.01.2021).

 

Abb. 3: Bestätigte COVID-19-Patienten in Intensivbehandlung in Krankenhäusern in Irland. Quelle: Ireland's COVID19 Data Hub - ICU, Hospitals & Testing Data (geohive.ie)

 

Abb. 4: Krankenhauseinweisungen in Irland pro Tag. Quelle: Ireland's COVID19 Data Hub - ICU, Hospitals & Testing Data (geohive.ie)

 

Anwendung des 5-Stufen-Plans

Stringenter Lockdown im Oktober und November 2020
Zwischen dem 21. Oktober und dem 1. Dezember 2020 war Irland in der höchsten Lockdown-Stufe 5. Hierdurch konnte die zweite Viruswelle erfolgreich eingedämmt werden.

Lockerung im Dezember 2020
Zwischen dem 1. Dezember und dem 24. Dezember 2020 traten Lockerungen in Kraft; das Land wechselte für diesen Zeitraum in Lockdown-Stufe 3. Die Anzahl der täglichen Neuinfektionen stieg deutlich an (Abbildung 1).

Verschärfung ab dem 24. Dezember 2020
Mit Wirkung vom 24. Dezember 2020 wurde wieder die höchste Lockdown-Stufe 5 eingeführt - jedoch mit zahlreichen Ausnahmeregelungen für die Weihnachtsfeiertage und die Tage danach.[ii]

Verschärfung ab dem 31. Dezember 2020
Mit Wirkung vom 31. Dezember 2020 galt die höchste Lockdown-Stufe 5 ohne Ausnahmen und ohne die Anpassungen, die ursprünglich bis 12. Februar 2021 geplant waren. Diese Regelung gilt nach heutigem Stand bis zum 31. Januar 2021.[iii] Während im irischen Lockdown der Stufe 5 vom 21. Oktober – 30. November 2020 die Schulen geöffnet blieben, wurde am 6. Januar 2021 entschieden, dass alle Schulen bis zum 31. Januar 2021 geschlossen bleiben.[iv]

Entwicklung in der ersten Januarhälfte
Ab Anfang Januar ließ sich ein beispiellos starker Anstieg der gemeldeten Infektionen verzeichnen: Die 14-Tage-Inzidenz stieg von 297 am 31. Dezember 2020 auf 819 am 6. Januar 2021.[v] Am 13. Januar 2021 betrug die 14-Tage-Inzidenz 1497.[vi] Der R-Wert (Stand: 6. Januar) ist extrem hoch – je nach Modell zwischen 2,4 und 3 – und seit Ende Dezember 2020 stark angestiegen.[vii] Diese Dynamik kann eine Reihe von Ursachen haben. Dazu gehören die vorhergehenden Lockerungen und die Ausnahmeregelungen während der Weihnachtsfeiertage bis zum Jahreswechsel. Die Inkubationszeit beträgt bei COVID-19 5 bis 6 Tage, die bei der Betrachtung der COVID-19-Infektionskurven immer berücksichtigt werden muss (Abbildung 1 und 2). Ferner trägt das Auftreten der neuen, erstmals in England beobachteten Virusmutante B.1.1.7 zur Infektionsdynamik bei. Ersten Untersuchungen zufolge erhöht diese Virusmutante im Vergleich mit der bisher verbreiteten Variante den R-Wert um ca. 0,4 bis 0,7.[viii] In Irland wurde diese Virusmutante erstmals in der Woche vor dem 20. Dezember 2020 nachgewiesen. In Analysen wurde sie in 8,6 Prozent (Kalenderwoche 51), 12,8 Prozent (KW 52) und 24,9 Prozent (KW 53) der untersuchten Proben nachgewiesen.[ix] Das irische Gesundheitsministerium vermeldete am 11. Januar 2021, dass mehr als 40 Prozent der positiven Fälle, die in den letzten sieben Tagen getestet worden waren, auf diese Variante zurückgeführt werden konnten.[x] Mittlerweile wurde sie auch in anderen Ländern, zum Beispiel in Dänemark, Portugal, Italien und Deutschland nachgewiesen.

Schlussfolgerungen

Es liegen noch keine wissenschaftlich fundierten Analysen über den jeweiligen Anteil einzelner Faktoren am Verlauf der Infektionsdynamik in Irland vor. Aus den Entwicklungen lassen sich zum jetzigen Zeitpunkt folgende Erkenntnisse ableiten:

  • Ein stringenter Lockdown (in Irland Stufe 5) führt in Folge der dann geltenden Kontaktbeschränkungen zu einer effektiven Senkung der Anzahl der täglichen Neuinfektionen.
  • In Irland haben die Lockerungen der Stufe 3 und die zeitlich begrenzten Ausnahmeregelungen über die Weihnachtsfeiertage gemeinsam mit der Virusmutante B.1.1.7 sehr wahrscheinlich zu einer Eskalation der Infektionsdynamik beigetragen.
  • Auch beim Auftreten einer Virusmutante mit erhöhtem R-Wert zeigt eine schnelle und stringente Reduktion von Kontakten (im Fall Irland seit 1. Januar 2021 Stufe 5), dass die Anzahl von Neuinfektionen nach einigen Tagen zurückgehen kann (im Fall Irland sichtbar ab 11. Januar 2021).

     

    [i] Vgl. https://www.gov.ie/en/campaigns/resilience-recovery-2020-2021-plan-for-living-with-covid-19/ (abgerufen am 14.01.2021).

    [ii] Vgl. https://www.gov.ie/en/press-release/a1f21-ireland-placed-on-level-5-restrictions-of-the-plan-for-living-with-covid-19-with-a-number-of-specific-adjustments/ (abgerufen am 14.01.2021).

    [iii] Vgl. https://www.gov.ie/en/press-release/066ce-ireland-placed-on-full-level-5-restrictions-of-the-plan-for-living-with-covid-19/ (abgerufen am 14.01.2021).

    [iv] Vgl. https://www.gov.ie/en/press-release/11176-minister-foley-confirms-that-schools-will-remain-closed-to-students/?referrer=http://www.gov.ie/en/press-release/c2730-additional-public-health-restrictions-people-urged-to-stay-at-home/ (abgerufen am 14.01.2021).

    [v] Vgl. https://assets.gov.ie/118392/691f20f8-046d-4d02-a4ac-bf2f5e868ad9.pdf (abgerufen am 14.01.2021).

    [vi] Vgl. https://www.gov.ie/en/press-release/9e94f-statement-from-the-national-public-health-emergency-team-thursday-14-january/ (abgerufen am 14.01.2021).

    [vii] Vgl. https://assets.gov.ie/118392/691f20f8-046d-4d02-a4ac-bf2f5e868ad9.pdf (abgerufen am 14.01.2021).

    [viii] Vgl. https://www.imperial.ac.uk/news/211793/new-covid19-variant-growing-rapidly-england/ (abgerufen am 14.01.2021).

    [ix] Vgl. https://assets.gov.ie/118212/b00522b8-7deb-4f61-9c1c-9c8df6185a00.pdf (abgerufen am 14.01.2021).

    [x] Vgl. Department of Health auf Twitter: "'Further testing of #COVID19 samples indicates that the UK variant continues to account for an increasing number of cases– more than 40% of the positive cases tested in the last 7 days can be traced back to this variant.' @CillianDeGascun #StayHome" / Twitter (abgerufen am 14.01.2021).

    Publikationen der Leopoldina zur Coronavirus-Pandemie

    7. Ad-hoc-Stellungnahme „Coronavirus-Pandemie: Die Feiertage und den Jahreswechsel für einen harten Lockdown nutzen“ (8. Dezember 2020)

    Leopoldina weist erneut auf Einhaltung von Schutzmaßnahmen in Schulen hin (16. November 2020)

    Positionspapier „Wie soll der Zugang zu einem COVID-19-Impfstoff geregelt werden?“ (9. November 2020)

    Gemeinsame Erklärung der Präsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Präsidenten der Fraunhofer-Gesellschaft, der Helmholtz-Gemeinschaft, der Leibniz-Gemeinschaft, der Max-Planck-Gesellschaft und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina „Coronavirus-Pandemie: Es ist ernst“ (27. Oktober 2020)

    Leopoldina fordert konsequenteres Handeln (15. Oktober 2020)

    6. Ad-hoc-Stellungnahme „Coronavirus-Pandemie: Wirksame Regeln für Herbst und Winter aufstellen“ (23. September 2020)

    5. Ad-hoc-Stellungnahme „Coronavirus-Pandemie: Für ein krisenresistentes Bildungssystem“ (5. August 2020)

    4. Ad-hoc-Stellungnahme „Coronavirus-Pandemie: Medizinische Versorgung und patientennahe Forschung in einem adaptiven Gesundheitssystem“ (27. Mai 2020)

    3. Ad-hoc-Stellungnahme „Coronavirus-Pandemie – Die Krise nachhaltig überwinden“ (13. April 2020)

    2. Ad-hoc-Stellungnahme „Coronavirus-Pandemie – Gesundheitsrelevante Maßnahmen“ (3. April 2020)

    1. Ad-hoc-Stellungnahme „Coronavirus-Pandemie in Deutschland: Herausforderungen und Interventionsmöglichkeiten“ (21. März 2020)

    1. bis 7. Ad-hoc-Stellungnahme der Leopoldina zur Coronavirus-Pandemie in einem Dokument (2020)

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