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Pressemitteilung | Montag, 24. September 2001

Presseinformation 22/2001

Biodiversität und Landschaftsnutzung in Mitteleuropa. Akademie Leopoldina greift mit einem Symposium ein ökologisch relevantes Thema auf und setzt sich für eine verantwortungsvolle Landnutzung ein.

Wissenschaftler und Umweltbehörden sind zunehmend besorgt, dass der Mensch durch die Erschließung immer neuen Lebensraums sowie durch die veränderte Nutzung der Landschaften in das Ökosystem eingreift. Denn die verschiedenen Lebewesen der Natur – Pflanzen wie Tiere – leben in einem ausgeklügelten Netzwerk von Beziehungen, die gegenseitig voneinander abhängen. Dieses Wechselspiel besser zu verstehen und daraus Erkenntnisse abzuleiten, die negativen Entwicklungen entgegen steuern können, ist Ziel des Symposiums. Im Mittelpunkt steht dabei die Artenvielfalt (Biodiversität) der Pflanzen und Tiere der mitteleuropäischen Acker- und Grünlandsysteme.

Die 21 Referenten spannen einen weiten Bogen. Sie werden die Entstehung der Kulturlandschaften Mitteleuropas erläutern, auf die Agrarentwicklung eingehen, die Konsequenzen beleuchten, die als Folge der Fragmentierung der Landschaft zu erwarten sind, aber auch die Evolutionsgeschichte von Kulturpflanzen thematisieren und diese Evolution molekularbiologisch analysieren. Dabei werden auch Erfahrungen aus der Schweiz und den Niederlanden einfließen. Exemplarisch dazu folgende Beispiele.

Gegenwärtig ändern sich die ökonomischen Rahmenbedingungen für die Landwirtschaft der industrialisierten Länder deutlich. Dies bewirkt einen erheblichen Strukturwandel seitens der Bewirtschaftungsweisen sowie der Betriebsstrukturen. Armin Werner (Leiter des Instituts für Landnutzungssysteme und Landschaftsökologie des Zentrums für Agrarlandschafts- und Landnutzungsforschung e.V. (ZALF), Müncheberg) wird erläutern, dass die Europäische Union in den nächsten Stufen ihrer Agrarreform verstärkt die Zahlung von öffentlichen Mitteln in den Landwirtschaftssektor an die Erbringung ökologisch ausgerichteter Leistungen knüpfen wird. Dies entspricht dem zunehmenden Anspruch seitens der Gesellschaft, die gegenwärtig neue Ziele bezüglich der Landschaftsnutzung aufstellt. Zudem steigen die Ansprüche anderer Landnutzer (Naherholung, Natur- und Ressourcenschutz, etc.) an den ländlichen Raum. Diese Situation bietet Chancen, aber auch Risiken für Landwirtschaft wie Naturschutz und damit die Biodiversität der agrarisch genutzten Kulturlandschaft.

In welcher Weise sich ändernde Landnutzungen die pflanzliche Diversität räumlich und zeitlich beeinflussen, wird Annette Otte (Professur für Landschaftsökologie und Landschaftsplanung der Universität Gießen) darstellen. Im Mittelpunkt ihrer Arbeitsgruppe stehen zur Zeit Agrarlandschaften, aus denen sich die landwirtschaftliche Nutzung aus Rentabilitätsgründen zurückzieht. Betroffen sind insbesondere kleinteilige Mittelgebirgsregionen, die nach Nutzungsaufgabe verbrachen und verbuschen, was zu deutlichen Artenverschiebungen und -verlusten auf den betroffenen Flächen führt. In der Folge kann das ökologische Gleichgewicht aller am Standort vertretenen Pflanzen und Tierarten gestört werden.

Artgerechte Haltung von Nutztieren (Bodenhaltung von Hühnern, artgerechtes Futter für Rinder) hat ihren Preis, und seit dem BSE-Skandal sind immer mehr Verbraucher bereit, diesen zu zahlen. Ökonomische Aspekte einer ressourcenschonenden Landnutzung sind das Arbeitsgebiet von Alois Heißenhuber (Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftlehre des Landbaus der Technischen Universität München, Weihenstephan). Er wird erläutern, dass es eine ressourcenschonende Landbewirtschaftung nur in einer konzertierten Aktion geben kann, in einem Zusammenspiel verantwortungsbewusster Landwirte, entsprechendem Konsumverhalten von Verbrauchern, umweltorientierter Gestaltung des gesetzlichen Rahmens sowie gezielter Honorierung ressourcenschonender Produktionsmethoden.

Einer ganz anderen Frage geht Christian Wissel (Leiter der Sektion Ökosystemanalyse des Umweltforschungszentrum Leipzig-Halle GmbH, Leipzig) nach. Ihn interessiert, unter welchen Bedingungen man Tiere wieder in Mitteleuropa einbürgern könnte, die ehemals hier heimisch waren, sich durch die Wirkung des Menschen aber in andere Gebiete zurückgezogen haben. Dazu analysiert er die Lebensweise einzelner Braunbären und simuliert diese mit Computermodellen um aufzuzeigen, welche geographischen Gegebenheiten vorhanden sein müssen, damit sich Braunbären ausbreiten und reproduzieren können.

Die Einführung in die Schwerpunkte des Symposiums übernimmt Gerhard Röbbelen (ehemaliger Leiter des Instituts für Pflanzenbau und –züchtung der Universität Göttingen und Senator für Agrar- und Ernährungswissenschaften der Akademie Leopoldina). Die Abschlussdiskussion leitet Gotthilf Hempel (ehemaliger Direktor des Zentrums für Marine Tropenökologie, Bremen, und Senator für Ökowissenschaften der Akademie Leopoldina). Beide sind die Initiatoren dieses interdisziplinären Symposiums.

Das Symposium "Biodiversität und Landschaftsnutzung in Mitteleuropa" der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina findet vom 2.–5. Oktober 2001 in Bremen statt. Veranstaltungsort ist das Atlantic Hotel Universum, Wiener Straße 2, 28359 Bremen. Die Veranstaltung ist öffentlich und für jedermann zugänglich.

Zur Akademie Leopoldina:

Die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina (gegründet 1652 in Schweinfurt) mit Sitz in Halle/Saale (seit 1878) ist eine überregionale Gelehrtengesellschaft mit gemeinnützigen Aufgaben und Zielen. Sie ist die älteste naturwissenschaftliche Akademie in Deutschland. Sie trägt durch die Jahresversammlungen, fachspezifische Meetings und Symposien, monatliche Vortragssitzungen und die vielfältigen persönlichen Kontakte der Mitglieder "zum Wohle des Menschen und der Natur" bei. Ihr gehören derzeit 1000 Mitglieder in aller Welt an. Zwei Drittel der Mitglieder kommen aus den Stammländern Deutschland, Schweiz und Österreich, ein Drittel aus weiteren ca. 30 Ländern. Zu Mitgliedern werden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus naturwissenschaftlichen und medizinischen Disziplinen gewählt, die sich durch bedeutende Leistungen ausgezeichnet haben.

Die Leopoldina wird von einem ehrenamtlichen Präsidium geleitet. Präsident der Leopoldina ist seit 1990 der Biologe Prof. Dr. Benno Parthier (Halle/Saale). Vizepräsidenten sind derzeit der Psychologe Prof. Dr. Paul Baltes (Berlin), der Chemiker Prof. Dr. Gunter Fischer (Halle/Saale), der Virologe Prof. Dr. Volker ter Meulen (Würzburg) und der Chemiker Prof. Dr. Ernst-Ludwig Winnacker (München). Letzterer ist zugleich Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft in Bonn. Die laufenden Geschäfte der Leopoldina führt eine Generalsekretärin, die Neurobiologin Prof. Dr. Jutta Schnitzer-Ungefug. Die Leopoldina erhält ihre finanziellen Zuwendungen für die satzungsgemäßen Aufgaben zu 80 Prozent vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und zu 20 Prozent vom Land Sachsen-Anhalt.

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