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Interview

„Die Gründe für Unfruchtbarkeit sind bislang nur schlecht verstanden“

Leopoldina-Mitglied Dr. Melina Schuh über ihre Forschung zur Entwicklung von menschlichen Eizellen

„Die Gründe für Unfruchtbarkeit sind bislang nur schlecht verstanden“

Foto: Frank Vinken / Max-Planck-Gesellschaft

Melina Schuh gehört zu den herausragenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die im Jahr 2019 in die Leopoldina gewählt wurden. Am 13. Mai sollte sie den öffentlichen Abendvortrag im Rahmen des Life Science Symposiums halten. Dieser musste – ebenso wie die Urkundenübergabe und das Symposium der Klasse II Lebenswissenschaften tags darauf – aufgrund der Maßnahmen gegen das Virus SARS-CoV-2 verschoben werden. Über ihre Forschung spricht die Direktorin am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen nun im Interview.

Sie erforschen unter anderem die Entstehung von menschlichen Eizellen. Warum ist dazu erstaunlicherweise immer noch vergleichsweise wenig bekannt?
Melina Schuh: Eizellen von Säugetieren sind generell nicht einfach zu untersuchen. Sie entwickeln sich normalerweise im Körper, sind also nur schwer zugänglich. Bei menschlichen Eizellen ist das nochmals schwieriger. Deshalb gibt es bislang kaum Studien zu menschlichen Eizellen.

Der Ablauf der Entstehung einer Eizelle war zum Beispiel bislang völlig unklar?
Eine Eizelle durchläuft vor der Befruchtung eine spezielle Teilung, die Meiose. Wir konnten diese Teilung zum ersten Mal in lebenden menschlichen Eizellen mit Hochleistungs-Mikroskopen visualisieren.

Was war dabei die Herausforderung?
Die meiotische Teilung der menschlichen Eizelle ist ein sehr langsamer Prozess, der mehr als einen Tag dauert und innerhalb des Körpers abläuft. Auf dem Mikroskop muss man deshalb die Körperumgebung so genau wie möglich nachahmen und sehr vorsichtig mit der Eizelle umgehen, um den Prozess der Entwicklung nicht zu stören. Dies ist uns erstmals gelungen.

Woher erhalten Sie menschliche Eizellen für Ihre Forschung?
Wir arbeiten ausschließlich mit unbefruchteten Eizellen, die im Zuge einer Kinderwunschbehandlung nicht verwendet werden können. Eizellen, die für eine Kinderwunschbehandlung eingesetzt werden, müssen ein bestimmtes Reifestadium erreicht haben. Für unsere Forschung bekommen wir Eizellen, die dieses Stadium nicht erreicht haben und somit für die Kinderwunschbehandlung ungeeignet sind, unserer Forschung aber helfen.

Welche Forschungsfragen sind noch ungeklärt?
Für uns ist die Eizelle sowohl aus Sicht der Grundlagenforschung als auch im Kontext der Kinderwunschbehandlung interessant. Bei einer Befruchtung kommen die Chromosomen von Eizelle und Spermium zusammen. Damit das nicht zu viele sind, muss die Eizelle vor der Befruchtung von jedem Chromosomenpaar die Hälfte ausschleusen. Das muss genau die Hälfte sein, es darf nicht ein Chromosom zu wenig oder zu viel sein. Hat eine Eizelle eine falsche Chromosomenzahl, stoppt der Embryo meist in einem sehr frühen Stadium die Entwicklung. Es kommt zu einer Fehlgeburt oder die Frau wird nicht schwanger. Das kann besonders bei Frauen ab 40 Jahren der Grund sein, weshalb der Kinderwunsch unerfüllt bleibt. Wir wollen herausfinden, weshalb Eizellen gerade auch bei älteren Frauen so häufig eine falsche Chromosomenzahl haben.

Damit bekommt Ihre Forschung eine wichtige gesellschaftliche Relevanz.
In unserer Gesellschaft nimmt das durchschnittliche Alter der Frau bei der Geburt immer weiter zu, Unfruchtbarkeit wird zu einem Problem von wachsender Bedeutung. Die genauen Gründe hierfür sind bislang nur schlecht verstanden. Wir hoffen, dass wir mit unserer Forschung längerfristig dazu beitragen können, Kinderwunschbehandlungen erfolgreicher zu machen.

Welche Möglichkeiten bietet Ihnen die Mitgliedschaft in der Leopoldina, sich für ein zeitgemäßes Fortpflanzungsmedizingesetz einzusetzen?
Die Leopoldina hat im Juni 2019 eine sehr gute Stellungnahme zur Fortpflanzungsmedizin veröffentlicht und dabei einen ganz wesentlichen Punkt genannt, bei dem Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern hinterherhinkt: Hierzulande gibt es eine Regelung, nach der nur jene befruchteten Eizellen weiter kultiviert werden dürfen, die schließlich in die Patientin transferiert werden sollen. Die anderen müssen schon in einem sehr frühen Stadium eingefroren werden.

Man weiß aber in diesem frühen Stadium nicht, welche der Eizellen sich teilen werden, weil manche von ihnen Defekte haben können?
Genau. Deshalb wäre es besser, wenn man die Eizellen noch länger kultivieren und dann erst einen einzelnen, gut entwickelten Embryo für den Transfer auswählen könnte. Der Transfer von mehreren Embryonen erhöht dagegen die Wahrscheinlichkeit einer Mehrlings-geburt, die gesundheitliche Gefahren für Mutter und Kinder mit sich bringt. Deswegen wäre eine Gesetzesänderung sinnvoll.

Sie haben als Wissenschaftlerin eine Spitzenposition inne und sind Mutter von vier Kindern. Wie vereinbaren Sie Beruf und Familie im Alltag?
Das ist nicht immer einfach. Ich versuche, mich auf die Familie und den Beruf zu konzentrieren und andere Aufgaben, wie etwa Haushalt und Garten, abzugeben. Im beruflichen Alltag versuche ich, fokussiert zu sein und die wesentlichen Aufgaben zu priorisieren. Die Zeit nach der Arbeit und am Wochenende verbringe ich intensiv mit den Kindern und arbeite dann oft abends noch mal etwas, wenn die Kinder schlafen.

Erfolgreiche Frauen wie Sie, denen ein solcher Aufstieg gelingt, sind in der Wissenschaft immer noch in der Minderheit. Was muss sich ändern?
Ganz wichtig finde ich den Ausbau einer qualitativ hochwertigen Kinderbetreuung. An unserem Institut in Göttingen haben wir eine sehr gute Kindertagesstätte, die Kinder auch mit unter einem Jahr aufnimmt. Das ist gerade in der Wissenschaft wichtig, da diese sehr schnelllebig ist, und es von daher schwierig ist, lange in Elternzeit zu gehen. Ein solches Angebot hilft Frauen, schneller in den Beruf zurückzukommen, was in bestimmten Berufen und Positionen von großer Wichtigkeit sein kann. Ich würde mich deshalb freuen, wenn ähnliche Angebote auch in Deutschland breiter verfügbar wären. In vielen anderen Ländern wie England, Frankreich und den USA ist dies ja schon lange der Fall.

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