Hirnforschung an Instituten der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Kontext nationalsozialistischer Unrechtstaten
In der Zeit des Nationalsozialismus wurden zehntausende Menschen Opfer erzwungener medizinischer Forschung. Das von der Max-Planck-Gesellschaft geförderte Forschungsprojekt „Hirnforschung an Instituten der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Kontext nationalsozialistischer Unrechtstaten – Hirnpräparate in Instituten der Max-Planck-Gesellschaft und die Identifizierung der Opfer“ widmete sich der Untersuchung der Geschichte von Hirngewebeproben, die von Verfolgten des NS-Regimes stammen und an denen an den Kaiser-Wilhelm-Instituten für Hirnforschung (Berlin) und Psychiatrie (München) geforscht wurde. Im Rahmen des Projektes wurde eine Online-Datenbank aufgebaut, die Zugang zu Namen und Lebensdaten von Opfern unethischer medizinischer Forschung im Nationalsozialismus bietet.
Zuletzt bearbeitet: 18. März 2026
Unter der Leitung von Paul J. Weindling ML (Oxford Brookes University), Herwig Czech (Medizinische Universität Wien) und Philipp Rauh (Technische Universität München) sowie in Zusammenarbeit mit Volker Roelcke ML (Universität Gießen) und Patricia Heberer Rice (United States Holocaust Memorial Museum) wurden die historischen Zusammenhänge der Gewinnung, Konservierung und Erforschung der Hirngewebeproben umfassend aufgearbeitet. Ein besonderes Augenmerk lag dabei auf den betroffenen Individuen und ihren Lebensgeschichten, die aus unterschiedlichsten Gründen Opfer nationalsozialistischer Verfolgung wurden. Dazu gehören Personen, die sich in stationärer psychiatrischer Behandlung befanden und im Rahmen der „Euthanasie“-Morde getötet wurden, Kriegsgefangene, Zivilisten aus den von Deutschland besetzten Gebieten oder durch das NS-Justizsystem Hingerichtete.
Die Datenbank „Victims of Biomedical Research under National Socialism“
Als zentrales Ergebnis des Projektes wurde im Juni 2025 eine Online-Datenbank veröffentlicht. Sie entstand auf Grundlage einer Forschungsdatenbank von Paul Weindling ML und enthält neben den Ergebnissen des MPG-Projektes auch umfassende Daten zu unethischer medizinischer Forschung im Nationalsozialismus und ihren Opfern überhaupt.
Mit der Datenbank-Webseite soll die Öffentlichkeit über NS-Medizinverbrechen und ihre Opfer informiert werden. Sie dient darüber hinaus als digitaler Gedenkort für die Betroffenen und gibt Angehörigen die Möglichkeit, ihre Familienmitglieder zu identifizieren. Einzelbiografien von Betroffenen, detaillierte Webseitentexte, eine interaktive Landkarte und die Verknüpfung mit Normdatensätzen sollen den Zugang zur Datenbank erleichtern.
Neben diesen Funktionen ist die Datenbank auch als Ressource für die weitere wissenschaftliche Erforschung der NS-Medizinverbrechen gedacht. Als Referenzdatenbank versammelt sie Verweise auf relevante Primärquellen und Sekundärliteratur. In über 30000 Datensätzen versammelt sie Informationen zu einzelnen Experimenten, den beteiligten Institutionen und Verantwortlichen, sowie zu den Menschen, die ihnen zum Opfer fielen. Die Nutzung der Online-Datenbank basiert auf einem Nutzungskonzept und wird unterstützt durch ein Board for Ethical Use and Access.
Weitere Informationen
- Website „Victims of Biomedical Research under National Socialism“
- Projektwebsite der Max-Planck-Gesellschaft
- Interview mit Paul Weindling: „Erstmals eine empirische Grundlage der NS-Zwangsforschung“
- Nutzungskonzept für die Projektdatenbank „Victims of Biomedical Research under National Socialism“ (PDF, 380 KB)
Förderung
- Max-Planck-Gesellschaft
Projektlaufzeit
2017-2025, Betrieb der Online-Datenbank ab Juni 2025
Projektleitung
- Paul J. Weindling ML (Oxford Brookes University)
- Herwig Czech (Medizinische Universität Wien)
- Philipp Rauh (Technische Universität München)
- Gerrit Hohendorf † (Technische Universität München)
In Zusammenarbeit mit
- Volker Roelcke ML (Universität Gießen)
- Patricia Heberer Rice (United States Holocaust Memorial Museum)
Board for Ethical Use and Access
- Prof. Dr. Thomas Beddies
- Prof. Dr. Heiner Fangerau
- Prof. Dr. Michael Fuchs
- Prof. Dr. Sabine Hildebrandt
- Dr. Regina Müller
- Prof. Dr. Maike Rotzoll
- Dr. Martin Schmitt
- Prof. Dr. Christoph Sorge
- Prof. Dr. Brigitte Tag
- Prof. Dr. Klaus Tanner
Projektteam
- Lisa M. Gottschall
- Salina Grünwald
- Aleksandra Loewenau
- Oliver Mahrle
- Aisling Shalvey