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Pressemitteilung | Mittwoch, 1. September 2021

Über den Strahlungsgürtel der Erde, den demokratischen Diskurs im Internet und die Mikroebene physiologischer Mechanismen: Leopoldina ehrt wissenschaftlichen Nachwuchs für besondere Forschungsleistungen

Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina zeichnet in diesem Jahr zwei Nachwuchsforscherinnen und einen Nachwuchsforscher aus. Die Preise werden ihnen – vorbehaltlich der dann vorherrschenden Pandemiesituation – im Rahmen der feierlichen Eröffnung der Leopoldina-Jahresversammlung am Freitag, 24. September 2021, in Halle (Saale) überreicht. Den Leopoldina-Preis für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erhalten Hayley Allison, Potsdam, und Philipp Lorenz-Spreen, Berlin, für ihre herausragenden Forschungsleistungen auf den Gebieten der Astrophysik und der Bildungsforschung. Mit dem Georg-Uschmann-Preis für Wissenschaftsgeschichte wird Caterina Schürch, München, für ihre Dissertation über die Suche nach fundamentalen physiologischen Mechanismen in den 1920er- und 1930er-Jahren gewürdigt.

Dr. Hayley Allison (Jahrgang 1993) studierte Physik und Astrophysik an der University of Leicester/UK und wurde in Angewandter Mathematik an der University of Cambridge/UK promoviert. 2019 begann sie als Postdoc am Deutschen GeoForschungsZentrum (GFZ) in Potsdam. Dort forscht sie in der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Yuri Shprits, der die Sektion Weltraumphysik und Weltraumwetter leitet. Seit November 2020 wird Allisons Arbeit durch ein Stipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung unterstützt. Die Weltraumphysikerin, die in ihrer Zeit in Potsdam bereits 13 wissenschaftliche Arbeiten mitveröffentlicht hat, befasst sich mit dem Van-Allen-Gürtel, dem Strahlungsgürtel der Erde. Er umgibt den Planeten in Form eines Schwimmrings und enthält energiereiche positiv und negativ geladene Teilchen, die vom Erdmagnetfeld festgehalten werden. Zusammen mit Shprits entdeckte die Nachwuchswissenschaftlerin, dass Elektronen im Van-Allen-Gürtel durch Plasmawellen auf ultrarelativistische Energien, also fast auf Lichtgeschwindigkeit, beschleunigt werden können. Sie befasste sich mit den Beschleunigungsmechanismen und fand heraus, unter welchen Bedingungen das Phänomen auftritt. Ihren Ergebnissen zufolge spielen zum einen Plasmawellen, deren Intensität während eines Sonnensturms erhöht ist, eine entscheidende Rolle. Zum anderen muss eine geringe Dichte des Hintergrundplasmas vorliegen. Allisons Arbeit hat praktische Bedeutung. Denn derart schnelle und schwere Elektronen können Satelliten gefährden. Die energiereichen Teilchen sind nur äußerst schwierig abschirmbar und können die Elektronik von Satelliten zerstören.

Dr. Philipp Lorenz-Spreen (Jahrgang 1990) wurde 2018 an der Technischen Universität Berlin in Theoretischer Physik promoviert und arbeitet seit 2019 am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin. Er beschäftigt sich mit dem menschlichen Verhalten in Online-Umgebungen und will ergründen, wie die Verhaltenswissenschaften den demokratischen Diskurs in einer vernetzten Gesellschaft fördern können. Dabei geht es ihm darum, Online-Bedingungen derart zu verbessern, dass Internetnutzerinnen und -nutzer befähigt werden, informierte und autonome Entscheidungen zu treffen. So untersuchte er beispielsweise, wie die Kompetenz zur Einordnung von Online-Inhalten durch informative Hinweise gefördert werden kann. Eine Umgebung, die Nutzerinnen und Nutzer dazu ermutigt, Sachverhalte zu hinterfragen oder Informationen einzuordnen, kann zum Beispiel deutliche Verweise auf Quellen und Hintergründe bieten. Lorenz-Spreen untersucht außerdem, wie sich die Dynamik der kollektiven Aufmerksamkeit in Sozialen Medien verändert. Er fand zum Beispiel heraus, dass die Zeitspanne, in der Hashtags beim Kurznachrichtendienst Twitter populär sind, im Laufe der Zeit immer kürzer geworden ist. Während sie 2013 noch bei durchschnittlich 17,5 Stunden lag, waren es drei Jahre später nur noch knapp 12 Stunden. Er führt das Phänomen darauf zurück, dass immer mehr Inhalte um die begrenzt verfügbare Aufmerksamkeit der Nutzerinnen und Nutzer konkurrieren. Philipp Lorenz-Spreen hat Physik an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München studiert. Am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung/Berlin begann er im Forschungsbereich des Psychologen und Leopoldina-Mitglieds Prof. Dr. Ralph Hertwig als Postdoc, seit 2021 ist er dort als Wissenschaftler im Rahmen eines internationalen Forschungsprojekts tätig, das sich mit der Verbesserung von Online-Umgebungen befasst.

Dr. des. Caterina Schürch (Jahrgang 1989), die den Georg-Uschmann-Preis für Wissenschaftsgeschichte erhält, hat an der Universität Bern/Schweiz und der LMU München Philosophie der Naturwissenschaften, Biologie und Wissenschaftsgeschichte studiert. Ihre Dissertation erarbeitete sie von 2015 bis 2021 an der LMU München im Hauptfach Wissenschaftsgeschichte mit dem Nebenfach Philosophie. Sie beleuchtete in ihrer Arbeit, wie Forschende aus den Bereichen Biologie, Physik und Chemie in der Zeit von 1918 bis 1939 kooperierten, um fundamentale physiologische Mechanismen aufzudecken. In dieser Zeit vor dem Aufschwung der Molekularbiologie und -genetik waren einige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bestrebt, makroskopische Lebensprozesse über darunterliegende Mechanismen auf Mikroebene zu erklären. In ihrer Arbeit analysierte Caterina Schürch vier Episoden aus Sinnesphysiologie, Hormonforschung, chemischer Genetik und Elektrophysiologie, die damals breite Aufmerksamkeit erhielten, wissenschaftshistorisch aber erst wenig Beachtung fanden. Darüber hinaus befasste sie sich mit wissenschaftsphilosophischen Aspekten der mechanistischen Forschung, die in den Lebenswissenschaften eine wichtige Rolle spielt und in der neueren Philosophie der Biologie intensiv diskutiert wurde. Sie behandelte unter anderem die Frage, ob und inwiefern sich die vier interdisziplinären Forschungsprojekte als Suche nach Mechanismen verstehen lassen. Caterina Schürch war von 2015 bis 2021 wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung für Wissenschaftsgeschichte am Historischen Seminar der LMU München. Die Tätigkeit unterbrach sie zwischenzeitlich für ein Stipendium an der University of Cambridge/UK. Seit August 2021 forscht sie im Rahmen eines Early-Postdoc-Mobility-Fellowships des Schweizer Nationalfonds jeweils für drei Monate unter anderem in Genf/Schweiz, Kopenhagen/Dänemark und Exeter/UK.

Seit 2009 vergibt die Leopoldina aus Mitteln der Karl-Lohmann-Schenkung zweijährlich einen mit ursprünglich 2.000 Euro dotierten Leopoldina-Preis für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, deren Promotion nicht länger als fünf Jahre zurückliegt und die sich durch eine bemerkenswerte Leistung auf einem in der Leopoldina vertretenen Gebiet ausgewiesen haben. Durch die Unterstützung des Leopoldina Akademie Freundeskreis e.V. kann der Preis seit 2015 an zwei Wissenschaftlerinnen oder Wissenschaftler verliehen werden und ist mit jeweils 5.000 Euro dotiert.

Mit dem Georg-Uschmann-Preis für Wissenschaftsgeschichte, der den Namen des Wissenschaftshistorikers Georg Uschmann (1913–1986) trägt, zeichnet die Leopoldina alle zwei Jahre eine hervorragende wissenschaftshistorische Dissertation aus. Gestiftet wurde der Preis im Jahr 1997 von Ilse und Eugen Seibold. Der Preis ist mit 2.000 Euro dotiert.

Die Leopoldina auf Twitter: www.twitter.com/leopoldina

Über die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina
Als Nationale Akademie der Wissenschaften leistet die Leopoldina unabhängige wissenschaftsbasierte Politikberatung zu gesellschaftlich relevanten Fragen. Dazu erarbeitet die Akademie interdisziplinäre Stellungnahmen auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse. In diesen Veröffentlichungen werden Handlungsoptionen aufgezeigt, zu entscheiden ist Aufgabe der demokratisch legitimierten Politik. Die Expertinnen und Experten, die Stellungnahmen verfassen, arbeiten ehrenamtlich und ergebnisoffen. Die Leopoldina vertritt die deutsche Wissenschaft in internationalen Gremien, unter anderem bei der wissenschaftsbasierten Beratung der jährlichen G7-und G20-Gipfel. Sie hat 1.600 Mitglieder aus mehr als 30 Ländern und vereinigt Expertise aus nahezu allen Forschungsbereichen. Sie wurde 1652 gegründet und 2008 zur Nationalen Akademie der Wissenschaften Deutschlands ernannt. Die Leopoldina ist als unabhängige Wissenschaftsakademie dem Gemeinwohl verpflichtet.

Ansprechpartner:
Dr. Jörg Beineke
Wissenschaftlicher Referent des Präsidiums
Tel.: +49 (0)345 472 39-954
E-Mail: joerg.beineke@leopoldina.org

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Leiterin der Abteilung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

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